Leseproben

Zusatzkapitel: Morle und die Rennmaus

Die Katze Morle, das Orakel des Großartigen Waldes, schlich auf leisen Tatzen durch den Wald. Ihre schwarzen Samtpfoten setzten dabei so leise auf dem Waldboden auf, dass niemand sie hören konnte. Sie schlich sich langsam an ihre Beute heran. Ihr Blick war zielsicher auf die Maus gerichtet, die sie im Visier hatte. Ein paar Meter von ihr entfernt, hatte sie sie entdeckt, und da ihr Magen knurrte, hatte sie nichts gegen einen kleinen Snack. Sie war zwar ein Orakel und hatte damit nicht nur viel Verantwortung, sondern auch viele Aufgaben, aber neben alledem war sie auch immer noch eine Katze. Eine mit schwarzem Fell und einem weißen Bauch, sowie einer weißen Schwanzspitze. Eine Katze, die es liebte, mit kleinen Bällen zu spielen, die kleinen Lichtern hinterherjagte, die ihr Fell regelmäßig und sehr ausgiebig putzte und die sehr viel schlief. Denn man sagt, dass Katzen in ihrem Leben sehr viel schlafen. So auch Morle, doch nicht jetzt, nicht in diesem Moment. Jetzt war sie hellwach. Ihr Blick war starr auf ihr Ziel gerichtet, ihr Körper gespannt und zum Sprung bereit. Nur noch ein kurzer Moment und sie konnte ihre Beute fangen. Sie setzte zum Sprung an und machte einen Satz. Sie war sich sicher, die Maus zu kriegen, schließlich war sie eine gute Jägerin. Doch in dem Moment, in dem sie mit ihren Tatzen zuschlagen wollte, machte die Maus ebenfalls einen Satz. Morle stutzte einen Moment. Diesen Moment nutzte die Maus und versteckte sich geschwind in einem kleinen Strauch.

Was tust du kleine Maus? Willst du mich ärgern?“

Morle suchte mit ihren Augen den Strauch ab. Die Maus fiepste und sprach zu der Katze: „Nein, Katze, ich will dich nicht ärgern. Ich will dir helfen, glaub mir. Such dir besser eine andere Maus, denn mich wirst du nicht kriegen.“

Morle wurde neugierig, sie setzte sich auf den Waldboden und schwang ihren Schwanz um ihren Körper. Dann spitzte sie ihre Ohren und blickte in den Strauch.

Wieso sollte ich dich nicht kriegen. Ich bin eine gute Jägerin.“

Die Maus fiepste erneut. Morle konnte sie nicht erkennen, aber wusste, dass sie da war.

Ja, da bin ich mir sicher. Du bist mit Sicherheit eine gute Jägerin, aber mich wirst du trotzdem nicht kriegen. Ich bin einfach zu schnell für dich. Ich bin eine Rennmaus. Deshalb gebe ich dir einen guten Rat, such dir eine andere Maus.“

Morle wackelte mit ihren Ohren.

Von einer Rennmaus habe ich noch nie gehört. Und ich weiß eine Menge über unseren Wald und deren Bewohner. Schließlich bin ich das Orakel des Waldes.“

Die Maus piepste und machte einen Schritt auf die Katze zu. Doch zum Schutz blieb sie noch immer in dem Strauch versteckt.

Ich weiß, wer du bist. Aber weißt du auch, wer ich bin? Nun ich nehme an, dass das nicht der Fall ist. Ich bin die Rennmaus Fipps. Ich bin gerade erst in diesen Wald gezogen, um hier in Ruhe meine letzten Jahre zu erleben. Ich bin auf der Suche nach einem guten Heim, einem, bei dem mir keine Katzen auflauern oder andere Gefahren drohen.“

Morle senkte ihren Kopf und legte sich auf den Waldboden. Sie hatte zwar Hunger, aber etwas hielt sie zurück. Sie fand diese Maus einfach zu interessant und seine Geschichte machte sie neugierig. Dass die Maus nicht aus dem Wald kam, war mal etwas Neues für sie.

Von wo kommst du denn, wenn du nicht aus dem Wald kommst?“

Die Maus wagte noch einen Schritt nach vorn, sodass die Katze sie nun sehen konnte.

Ich komme aus Grasophia. Ich war dort sehr bekannt. Ich bin dort Rennen gelaufen und man konnte auf mich setzen, ich war wirklich gut. Es ist nicht einfach, durch dieses hohe Gras zu laufen. Aber irgendwann war ich nicht mehr gut genug. Ich war zu langsam für die Rennen geworden und ich wurde verjagt. Schlimmer noch, sie hetzten eine ganze Schar von Katzen hinter mir her. Doch ich habe es geschafft, sie alle hinter mir zu lassen.“

Morle wurde traurig; die Geschichte, die Fipps erzählte, betrübte sie.

Das ist sehr traurig, was du da erzählst. Gab es dort denn keine Sjerps?“

Fipps stutzte. „Was ist denn ein Sjerp?“

Morle klärte die kleine Rennmaus auf.

Ein Sjerp kann mit Tieren sprechen, sie lieben Tiere. Ich selbst kenne einen Sjerp, der immer gut zu Tieren ist. Er ist sogar mit ein paar Dachsen befreundet und hatte eine ganz Weile lang eine Maulwurfpension für gestrandete Maulwürfe hier im Wald. Er ist gut zu Tieren, so wie die meisten Sjerps.“

Fipps schüttelte seinen kleinen Mausekopf.

Ich weiß nicht recht. Die meisten Bewohner, ob Waldbewohner oder Stadtbewohner, die ich kennengelernt habe, hetzten Katzen oder Hunde hinter mir her, oder sie schlugen mit einem Besen oder einer Schaufel nach mir. Ich habe kein Vertrauen in jemanden der kein Tier ist.“

Morle schüttelte nun ebenfalls ihren Kopf.

Nein, du siehst das falsch. Ein Sjerp, besonders der, den ich im Sinn habe, ist gut zu Tieren. Denn ein Sjerp spricht die Sprache der Tiere. Deshalb weiß er, welche Bedürfnisse ein Tier hat. Für einen Sjerp sind Tiere Freunde. Dort wirst du es gut haben, glaub mir.“

Fipps überlegte einen Moment. Er hatte so viele schlechte Erfahrungen gemacht. Aber diese Katze schien es gut mit ihm zu meinen. Auch wenn es eine Katze war. Er nahm einer Katze nicht übel, dass sie ihn jagte, es lag in ihrer Natur. Aber in der Natur eines Stadt- oder Waldbewohners konnte es sicher nicht liegen, nach einer kleinen harmlosen Maus mit einer Schaufel zu schlagen. Das taten sie meist, weil sie Angst vor ihr hatten. Dabei konnte Fipps nicht verstehen, wie man vor ihm, einer kleinen Maus, Angst haben konnte. Was konnte sie denn schon Furchteinflößendes tun? Was konnte an einer kleinen Maus schon erschreckend sein?

Gut, ich will dir glauben, Morle. Aber du hast mich eben noch gejagt, weil du Hunger hast, das wird sich doch nicht geändert haben, oder? Wer sagt mir denn, dass ich nicht in dem Moment, in dem ich den Strauch verlasse, von dir gefressen werde?“

Morle musste der Maus recht geben. Es war möglich, dass sie zuschnappte, sobald die Maus den Strauch verließ. Das war keine böse Absicht, sondern nur, weil sie eine Katze mit hungrigem Magen und Fipps eine Maus war. Sie konnte Fipps nicht versprechen, ihn nicht zu fressen. Denn sie wusste selbst nicht, ob sie sich an ihr Versprechen auch halten konnte. Doch Morle war sehr klug, sonst hätte der Wald sie auch als Orakel nicht gebrauchen können. Und die Geschichte dieser kleinen Maus machte sie so traurig, dass sie ihr helfen wollte.

Du hast recht Fipps, ich kann dir nicht versprechen, dich nicht zu fressen. Schließlich bin ich eine Katze. Aber ich habe eine Idee, wie wir das Problem lösen können. Ich schließe gleich für einen Moment lang meine Augen, und du kommst heraus und läufst so schnell du kannst davon. Ich jage dich bis zu dem Haus von dem Sjerp, über den wir gesprochen haben. Dort musst du nur durch das Fenster springen und bist in Sicherheit, ich werde dir nicht hinein folgen, das verspreche ich dir. So habe ich meine Jagd und du bleibst verschont.“

Das klingt gerecht, aber, was ist mit deinem Hunger? Du hast doch noch immer Hunger, oder nicht?“

Ja, das ist richtig. Aber wenn du so schnell bist, wie du sagst, werde ich dich nicht kriegen und dann suche ich mir eine andere Mahlzeit. Also wie sieht es aus?“

Fipps die Rennmaus dachte einen Moment lang nach, dann stimmte sie zu. Morle schloss die Augen und Fipps jagte aus dem Strauch heraus und über den Waldboden in Windeseile davon. Durch die herabgefallenen Blätter konnte Morle die Rennmaus nicht gleich erkennen, deshalb dauerte es einen Moment länger, bis auch sie endlich loslief. Dann machte Morle ihren ersten Satz und landete direkt hinter Fipps. Doch der hatte das bereits bemerkt und raste davon. Die Maus hatte nicht übertrieben, sie war unglaublich schnell und das forderte Morle ganz schön heraus. Es ging hin und her, über kleine Stöcke, durch hohle Baumstämme hindurch, durch Sträucher, über laubigen Waldboden und immer weiter. Morle trieb die Rennmaus bis zur Kraftbaumsiedlung und zu einer Dracena von einem alten Sjerp, den sie kannte. Sein Name war Zugis. Das war der Sjerp, von dem sie der Maus erzählt hatte. Nur noch wenige Meter vor der Dracena, die kleine Rennmaus war fast schon in Sicherheit, passierte etwas Unerwartetes. Ein großer Falke schoss wie ein Blitz auf die Maus zu. Im Sturzflug eilte der Falke heran. Seine Augen fixierten die Rennmaus. Er hatte sie bereits eine Weile erspäht und sich das Rennen angesehen. Noch ein kräftiger Flügelschlag und er hätte sie erreicht. Fipps die Rennmaus erschrak und wurde langsamer. Zwar war er eine gute und schnelle Rennmaus, aber er war nicht mehr der Jüngste und auf unerwartete Ereignisse konnte er nicht mehr so schnell reagieren wie früher. Er musste nun doppelt geschickt sein, um nicht nur die Katze, sondern auch den Falken in Schach zu halten. Der Falke war nun ganz nah, Morle erkannte ihn sogleich, es war Arkas, der Anführer der Falkenschar von Rabo und ebenfalls ein guter Jäger. Morle reagierte blitzschnell, sie warf einen kurzen Blick auf die Rennmaus und schätzte die Entfernung zum Falken ab. Sie fuhr ihre Krallen aus und sprang dann aus dem Lauf heraus auf den Falken zu. Mit einem gekonnten Schwung ihrer Tatze und einem gefährlichen Fauchen gelang es ihr, Arkas zu erwischen. Der Falke taumelte in der Luft zur Seite, fing sich auf und war mit dem nächsten Flügelschlag verschwunden. Schmollend musste er sich eine andere Maus suchen, diese hier wurde vom Orakel des Waldes beschützt.

Fipps, die Rennmaus beschleunigte noch mal und war mit einem Satz durch das Fenster des Dracena-Hauses gehüpft und auf dem Tisch gelandet. Morle blieb wie versprochen unter dem Fenster stehen. Fipps hüpfte noch einmal auf das Fenstersims und blickte zur Katze herüber.

Du hast dein Wort gehalten. Du bist mir nicht bis hinein gefolgt. Und du hast mich sogar gerettet. Ich danke dir. Es war zwar knapp, aber lustig, vielleicht können wir das einmal wiederholen.“

Die Katze nickte kurz. Dann drehte sie sich um und machte einen Satz in den Wald hinein. Sie musste sich nun erneut etwas zu fressen suchen.

Fipps jedoch wandte sich an den Sjerp Zugis, der staunend die kleine Maus ansah.

Hallo, mein Name ist Fipps. Mir wurde gesagt, du seist ein Freund von Tieren. Ich suche eine Bleibe, darf ich bei dir bleiben?“

Zugis nickte und rieb sich das Kinn.

Klar, gern. Ich habe da noch irgendwo einen Schuhkarton, den könnten wir dir ein wenig nett herrichten, wenn du möchtest.“

Fipps nickte und sprang in die Hand von Zugis. Hier fühlte er sich auf Anhieb sicher und begann sogleich, dem Sjerp von seinem Abenteuer zu erzählen. Und er blieb bei dem alten Sjerp, der stets gut zu ihm war, genau, wie die Katze Morle, das Orakel des Waldes, es ihm vorausgesagt hatte.

 

Band 1: Das Buch der roten Hexe - Die geheimnisvollen Bäume

Jina, Lisbeth und Sternchen rappelten sich hoch und tasteten sich an den Wänden der Höhle entlang. Sie fanden einen Durchgang, durch den ein Lichtstrahl in die Höhle fiel. Und weil sie keine bessere Idee hatten, folgten sie diesem Lichtstrahl, in der Hoffnung den Ausgang gefunden zu haben. Als sie eine Weile gelaufen waren, drehte sich Lisbeth zu Sternchen, die ganz hinten lief, um und fragte:

„Sag mal, was soll das heißen, du kennst den Weg? Warst du schon einmal hier? Wieso hast du das denn nicht erzählt?“

Sternchen stieß Lisbeth ein wenig an, um sie zum Weitergehen zu bewegen, aber Lisbeth ließ keine Ruhe. Sie rührte sich kein Stück und wartete auf Sternchens Antwort.

„Na schön. Wenn du so stur bist, bitte. Ich hoffe, dass wir an dem Ort sind, von dem ich denke, dass wir dort sind. Und von da kenne ich den Weg. Mehr werde ich dir erst erzählen, wenn wir aus diesem Baum raus sind. Nun geh schon!“

Lisbeth drehte sich wieder um und alle drei gingen weiter. Es dauerte noch eine Weile, bis sie endlich am Ausgang waren. Sie gerieten an eine Tür, die alt und sehr schwer war. Sie stemmten sich gemeinsam dagegen, bis sie die Tür geöffnet hatten. Und was sich ihnen dort darbot, war wirklich sehr beeindruckend.

Als sie durch die Tür traten, viel ihnen erst auf, wie schmutzig sie alle waren, und sie kicherten darüber. Doch als sie sich umsahen, verschlug es ihnen die Sprache. Sie standen vor einer Vielzahl von Bäumen, die sie noch nie zuvor gesehen hatten. Jeder Baum war hochgewachsen und hatte einen kräftigen Stamm. Die Blätter der einzelnen Bäume schimmerten in allen erdenklichen Farben. Sie waren nur selten grün. Sie waren vielmehr lila, rosa, gelb, rot, blau und orange. Einige Bäume trugen Früchte, die wunderbar leuchteten und sehr lecker aussahen. Besonders Jina war beeindruckt. Sie liebte Bäume sehr und hatte gedacht, alle zu kennen. Doch die meisten, die sie hier sah, waren ihr fremd. Lisbeth wandte sich an Sternchen.

„Nun, du wolltest erzählen, woher du den Weg kennst. Wir haben den Baum verlassen. Also, ich höre!“

Sternchen seufzte.

„Mein Großvater erzählte mir hiervon. Er wurde hier, am verlorenen Punkt, als kleiner Junge ausgesetzt – zur Probe. Das hat man früher mit allen Horizen gemacht. Sie mussten von hier aus den Weg nach Hause finden. Viele von ihnen hat man leider nie wieder gesehen, deshalb hat man das Ganze irgendwann einfach gelassen. Man hat sich etwas anderes ausgedacht. Aber mein Großvater hat es damals geschafft. Er hat den Weg gefunden, er war einer der wenigen, die es schafften. Und er hat mir davon erzählt. Immer und immer wieder. Es war ihm wichtig, dass ich es wusste. Denn nur so hatte er die Gewissheit, dass mir nichts passieren könne, falls es mich mal hierher verschlägt. Ich weiß noch, wie er sagte, dass er noch nie einen so schönen Ort wie diesen hier gesehen hatte. Ich würde sagen, er hatte recht!“

Lisbeth und Jina sahen sich gemeinsam mit Sternchen noch mal um. Jeder war von diesem Anblick gefesselt. Doch sie hatten keine Zeit zu verlieren. Es könnte sein, dass Zeppo in Gefahr war, und sie mussten dringend nach Hause.

„Also, wie geht es denn nun nach Hause?“ Jina war die Erste, die sich von den Bäumen losreißen konnte, obwohl sie diesen Anblick niemals vergessen würde. Sie sah nun voller Erwartung zu Sternchen herüber. Sternchen antwortete:

„Mein Großvater sagte: Ganz gleich, wie lange dich der Blick auch gefangen halten mag, du musst dich besinnen und den Weg nach Hause antreten. Das bedeutet, dass wir durch diesen Wald hindurchgehen müssen. Wir können nicht drum herum gehen, wir müssen ihn durchqueren.“

Lisbeth war nicht sonderlich beeindruckt.

„Das ist doch ganz einfach! Das soll das große Geheimnis sein? Einfach hindurch gehen? Das ist doch nun wirklich kein Problem. Wer würde so einen schönen Teil des Waldes nicht gerne durchqueren?“

Sie war schon drauf und dran loszulaufen, als Sternchen sie zurückhielt.

„Ja, das hört sich einfach an, ich weiß. Aber dieser Teil des Waldes ist nicht ungefährlich. Die Schönheit trügt. Es gibt Bäume, an denen du nicht einfach so entlang marschieren kannst, ohne dein Leben zu lassen. Es gibt nicht nur Gutes hier, man muss auf alles gefasst sein. Deshalb lasst uns zusammenbleiben.“

Sternchens Miene wirkte sehr ernst. Lisbeth beschloss, auf Sternchen zu hören und so gingen alle drei gemeinsam los. Als sie die ersten Bäume erreichten, blickten sie sich um als würden sie erwarten, dass sie etwas anfällt. Aber es passierte nichts. Sie durchquerten einen Bereich mit Bäumen, deren rote Blätter leise im Wind rauschten. Hier schien es absolut friedlich zu sein und alle drei hatten das Gefühl, an dieser Stelle vollkommen sicher zu sein. Nachdem sie eine Weile weitergelaufen waren, vermischten sich die Bäume mit anderen, die etwas wilder aussahen. Ihre Blätter waren dunkelblau und es wurde ganz plötzlich furchtbar stürmisch, sodass sie Mühe hatten, sich auf den Beinen zu halten. Aber sie liefen weiter, obwohl es immer schwieriger wurde, den einen Fuß vor den anderen zu setzen. Sie sahen beim Laufen ständig zu Bode, und so wussten sie nicht, wie lange sie noch gehen mussten, um diese Bäume hinter sich zu lassen. Plötzlich, sie hatten gar nicht damit gerechnet, hörte der Sturm auf. Als sie aufblickten, bemerkten sie, dass sie unter einem dichten Blätterdach standen. Die Bäume hier waren deutlich niedriger und standen nicht mehr so dicht. Man konnte den Himmel nicht erkennen, und doch war es hier taghell und völlig ruhig. Sie blieben einen Moment lang stehen und sahen sich die Bäume an, die vor ihnen waren. Ein Unbehagen machte sich breit, denn die Bäume vor ihnen sahen sehr verwildert aus. Die Stämme waren sehr dick und kräftig, aber sie wirkten ungepflegt und waren krumm. Die Äste waren diffus angeordnet und das Holz war morsch. Die Blätter waren in einem grellen, beißenden Rosa gehalten und schmückten die Bäume nicht besonders gut. Nachdem Jina, Lisbeth und Sternchen einen Moment verweilten, gingen sie nun, allen voran Lisbeth, langsam auf die Bäume zu. Doch als sie kurz vor ihnen waren, gab ein Baum ein merkwürdiges Geräusch von sich. FRRRRZZZZZZ! Mit großer Wucht wurden Jina, Lisbeth und schließlich auch Sternchen zurückgeschleudert. Da lagen sie nun auf dem Waldboden und ihre Haare waren völlig zerzaust. Sternchen rieb sich den Kopf, Lisbeth rieb sich den Rücken und Jina rieb sich ihren Po.

„Was war das denn jetzt? Sind das etwa diese sagenumwobenen Pupsbäume? Ich dachte, die wären nur Hirngespinste.“ Jina kannte doch mehr Bäume, als ihr lieb war. „Erst diese Sturmbäume und jetzt Pupsbäume, na prima. Was kommt denn noch alles?“

„Also, wenn du mich fragst“, meinte Lisbeth, „ich habe noch nie etwas von diesen Bäumen gehört.“

Inzwischen war sie aufgestanden und machte sich daran, einen neuen Versuch zu starten.

„Wir müssen da durch. Also werden wir da auch durchgehen.“ Mit diesen Worten rannte sie auf die Bäume zu. Doch noch bevor sie die Bäume erreicht hatte geschah es wieder. FRRRRZZZZZZ und Lisbeth wurde im hohen Bogen nach hinten geschleudert. Sie landete genau zwischen Jina und Sternchen. Ihre braunen Haare verdeckten ihr Gesicht, aber sie wandte sich Jina zu und sagte:

„Also? Was ist jetzt mit diesen komischen Pupsbäumen?“

„Naja, genau genommen heißen sie Frzbäume, unter diesem Namen sind sie eher bekannt. Aber der echte Kenner weiß natürlich, was es wirklich mit ihnen auf sich hat.“

„Jina, die Frage ist jetzt: Wie kommen wir da durch? Nicht: Wie ist der eigentliche Name?“

„Ich habe schon verstanden. Und soll ich euch was sagen? Ich weiß es nicht. Es tut mir leid. Ich dachte diese Bäume existieren nicht, deswegen habe ich auch nie richtig zugehört.“

Da saßen sie nun einen Moment lang völlig ratlos da und dachten schon, ihr Weg würde an dieser Stelle nicht weitergehen. Schließlich hatte Lisbeth eine Idee.

„Ich glaube, wir sollten es einmal alle zusammen versuchen. Ich schlage vor, wir schleichen uns an sie heran. Das haben wir noch nicht versucht.“

Lisbeths Idee schien einleuchtend zu sein, und so schlichen alle drei auf den Zehenspitzen auf die Frzbäume zu. Sie waren schon ganz nah und freuten sich, gleich am Ziel zu sein, doch dann – FRRRRZZZZZZ! Und sie lagen alle drei wieder auf dem Boden. Lisbeth war genervt.

„Hat dein Großvater denn nichts hiervon erzählt? Er muss doch diese Bäume überwunden haben.“

„Nein, leider nicht“, bedauerte Sternchen. „Er hat nicht davon erzählt. Aber es kann auch sein, dass sie nicht auf ihn reagiert haben, immerhin war er noch ein Kind.“

„Warte mal! Er war ein Kind. Vielleicht ist er gekrabbelt! Deshalb sind ihm diese Bäume nicht aufgefallen. Sollen wir es versuchen? Was meint ihr? Was soll schon passieren, außer dass wir erneut zu Boden geschleudert werden?“

Jina und Sternchen nickten Lisbeth zu und so krochen sie auf allen vieren den Bäumen entgegen. Jeder von ihnen erwartete ein FRRRRZZZZZZ aber es kam keins. Es schien zu funktionieren. Also krochen sie einfach weiter. Ihre Blicke waren nach vorne gerichtet. So waren sie eine ganze Weile lang unterwegs. Es kam ihnen so vor, als ob der Bereich mit den Frzbäumen riesig wäre. Aber kriechend konnten sie dieses Hindernis überwinden. Irgendwann hörten sie merkwürdige Geräusche, so als ob sich eine Horde schnatternder Gänse angeregt unterhalten würde. Sie hoben die Köpfe und keiner glaubte, was sie da sahen. Ihnen war nicht aufgefallen, dass sie vor einem ganz besonderen Baum gelandet waren. Sie richteten sich auf und starrten auf diesen hochgewachsenen Baum, der direkt vor ihnen stand und strahlte. Ein fester und kräftiger Stamm, geschmückt mit leuchtend violetten Blättern. Er sah aus, als ob er der gesündeste Baum im gesamten Großartigen Wald war. Das Einzige, das diese Idylle ein wenig störte, war das Geräusch, das die gelben Früchte von sich gaben. Bei genauerem Hinsehen erkannten die drei die Früchte, denn sie hatten schon viel von ihnen gehört.

„Lora hatte recht. Es gibt ihn wirklich, den Zickigezitronenbaum! Ich habe immer gedacht, sie hätte sich das alles nur ausgedacht.“ Lisbeth war sehr beeindruckt.

Aber durch das Gemurmel der Zitronen konnten die anderen beiden sie nur schwer hören.

„Was soll das bedeuten, bitte schön? Hä? Du kleines Mädchen machst dich wohl über uns lustig! Frechheit!“ Es schien so, als ob die Zitronen plötzlich auf das reagierten, was Lisbeth soeben gesagt hatte. „Also wenn ich mir so schnell ein Urteil über euch bilden würde, dann wäre das doch wohl sehr unverschämt, oder nicht?“

In dem ganzen Stimmenwirrwarr konnte man nicht erkennen, welche Zitrone gesprochen hatte. Jina, Lisbeth und Sternchen hatten ohnehin das Gefühl, dass alle Zitronen durcheinander plapperten. Jede hatte etwas zu sagen, und natürlich war alles unglaublich wichtig. Jina versuchte, sich Gehör zu verschaffen.

„Vielleicht könnt ihr uns weiterhelfen. Wir sind auf dem Weg nach Hause. Wir wurden hierher verschleppt. Ihr kennt nicht zufällig den Weg zur Kraftbaumsiedlung?“

„Jina, was soll denn das? Ich kenne doch den Weg, das habe ich doch schon gesagt.“ Sternchen verschränkte die Arme, sie schien ein wenig beleidigt zu sein.

„Na bravo, bravo!“, zickten die Zitronen. „Jetzt habt ihr den Salat, nicht wahr? Der eine hört dem anderen nicht zu; und wir sollen euch helfen? Woher wissen wir, dass ihr uns zuhört? Wenn ihr es nicht einmal untereinander schafft.“ – „Genau!“ – „Ja, wieso sollten wir euch helfen?“ – „Ihr habt uns schließlich schon beleidigt!“

Lisbeth, Jina und Sternchen waren ziemlich unerfreut. Sie hatten doch gar nichts Böses oder Gemeines gesagt. Was war denn eigentlich das Problem? Dennoch entschloss sich Sternchen dazu, sich zu entschuldigen.

„Also, falls wir etwas Falsches gesagt haben, dann tut uns das sehr leid. Wir hoffen ihr verzeiht uns.“

„Schätzchen“, sagte eine besonders gelbe Zitrone. „Es ist eigentlich nicht nötig, dass du gleich so vor uns kriechst. Wir hören das Wort zickig eben nicht gerne. Wir bevorzugen anspruchsvoll. Und übrigens ist es keine Lüge, dass wir existieren. Ihr könnt ruhig allen von uns erzählen. Und wenn es euch nichts ausmacht, wären wir jetzt gerne allein. Recht freundlich. Also verzitront euch!“

Die drei sahen sich gegenseitig an und waren sich einig, dass es Zeit war zu gehen. Also ließen sie den zickigen, Verzeihung, anspruchsvollen Zitronenbaum hinter sich. Sternchen blieb einen Moment lang stehen und sah sich um. Sie hatte das Gefühl, sie müsse sich die Stelle merken, an der dieser Baum stand, aber sie konnte nicht sagen warum. Zuerst überlegte sie, ob sie den Ort einfach kennzeichnen sollte. Aber womit? Doch dann schloss sie einen Moment lang die Augen und ging den anderen beiden hinterher. Die hatten gar nichts gemerkt und waren schon ein ganzes Stück vorausgegangen. Sternchen merkte sich einfach die Anordnung der Bäume hinter dem Zickigezitronenbaum.

„… wie ein Dreieck“, murmelte sie.

Dann schloss sie zu den anderen auf. Und wieder liefen sie eine ganze Weile schweigend nebeneinander her. Sie waren schon sehr müde, als sie drei weitere merkwürdige Bäume entdeckten. Jina hatte ein Funkeln in ihren Augen.

„Seht euch das an. Das sind drei Penokkabäume! Endlich, ich habe sie gefunden! Ich habe so viel über diese Bäume gelesen und gehört, aber noch nie einen in Wirklichkeit gesehen. Ihr müsst wissen, dass sie sehr selten sind. Was würde ich darum geben, nur eine Wurzel zu bekommen.“

„Was ist denn daran so besonders? Ich meine, das ist ein schöner Baum aber …“ Sternchen sah an dem Baum herauf.

Er wirkte zwar stark aber auch sehr alt. Sein Stamm war schwarz, und nur wenige türkisfarbene Blätter schmückten seine Krone. Dennoch strahlte er Kraft aus und die schien in der Luft um ihn herum zu liegen. Jina erklärte ihr, was so besonders an diesen Bäumen war.

„Du musst wissen, dass man aus den Wurzeln des Penokkabaumes einen Saft herstellen kann, der dich für einige Zeit unbesiegbar macht. Die Schwierigkeit ist nur, so eine Wurzel zu bekommen. Weißt du, der Baum muss sie dir freiwillig überlassen.“

„Wie soll ich einen Baum dazu bringen, mir freiwillig eine seiner Wurzeln zu geben? Außerdem braucht er sie doch für sich, oder nicht?“

„Also zunächst einmal hat so ein Penokkabaum sehr viele Wurzeln, da kann er durchaus mal einige entbehren. Und sie wachsen nach, was gut für den Baum ist. Wenn du nun eine Wurzel haben willst, musst du ihm zeigen, dass du ihn nicht töten willst, dass du ihm friedlich gesonnen bist. Wenn dir das gelingt, dann schenkt er dir eine Wurzel und er wird dich immer wiedererkennen. Aber wenn du ihn verletzt, wird er dir das niemals verzeihen.“

„Willst du damit sagen, der Baum hat so etwas wie ein Bewusstsein? Willst du sagen, er spürt, ob ich gut oder böse zu ihm bin?“ Sternchen war doch ein wenig misstrauisch.

„So könnte man es sagen”, antwortete Jina. „Aber, da ich jetzt weiß, wo ich solche Bäume finde, können wir ruhig weitergehen. Und zur Not kann ich immer noch meine Freundinnen nach dem Weg fragen. Die eine zeichnet alles, was sie sieht, und die andere orientiert sich am Himmel und findet auf diese Weise fast jeden Weg.“

Jina lächelte und alle drei gingen weiter an den drei Penokkabäumen entlang.

Als sie so weiterliefen, jede von ihnen in ihre Gedanken versunken, bemerkten sie erst sehr spät, dass sie an einem Bereich angelangt waren, der ihnen bekannt vorkam. Die Bäume hier waren ihnen vertraut und als sie sich umsahen, merkten sie, dass sie von hier aus den Weg nach Hause kannten.

„Es ist noch ein langer Weg bis nach Hause, aber wenigstens wissen wir jetzt ganz sicher, wo wir hin müssen“, warf Lisbeth erleichtert ein und sah sich noch mal um. Sie wollte noch einen letzten Blick auf diese Bäume werfen, aber sie waren schon lange ihrem Blickfeld entschwunden. „Schade. Ob wir sie jemals wiedersehen werden?“

Dann senkte sie den Blick, drehte sich wieder um und ging weiter. Nach etwa zwei Stunden waren sie endlich in Sichtweite der Kraftbäume. Es dauerte eine weitere halbe Stunde, bis sie über sich ein Rascheln hörten und alle drei unwillkürlich nach oben sahen. Was sie dort sahen, verschlug ihnen die Sprache. Ihr Freund Zeppo kam putzmunter und mit einem strahlenden Gesichtsausdruck zu ihnen hinunter geflogen. Zwar landete er etwas unsanft auf dem Waldboden, aber er wirkte sehr stolz auf sich.

„Hallo, ihr Lieben! Sagt mal, wo habt ihr denn gesteckt? Ich habe die gesamte Kraftbaumsiedlung, den Riesenkürbisbereich und sämtliche Felsen nach euch abgesucht. Ihr werdet euch doch wohl nicht verlaufen haben, oder etwa doch?“

Jina, Lisbeth und Sternchen starrten Zeppo nur mit offenem Mund an. Sie waren beeindruckt über seine Flugkünste, denn sie hatten ihn zuvor noch nie fliegen gesehen. Gleichzeitig waren alle verwirrt, denn er schien gar nicht bemerkt zu haben, dass Rabo und seine Kumpanen hinter ihm her waren. Jina fing sich als Erste wieder und begann, Zeppo alles zu erzählen. Vom Verlorenen Punkt, von den Frzbäumen, dem Zickigezitronenbaum und natürlich besonders ausführlich von den drei Penokkabäumen. Zeppo hörte in aller Ruhe zu und die vier gingen gemeinsam durch die Kraftbaumsiedlung. Ein wenig neidisch war Zeppo schon, denn schließlich wollte er auch mal den Zickigezitronenbaum sehen.

„Ihr habt immer ein Glück. Ihr durftet diese wunderbar duftenden Verständniskekse essen und ihr habt den Zickigezitronenbaum gesehen. Ich will auch mal so was Tolles erleben.“

Sternchen zwickte Zeppo leicht in dem Arm.

„Muss ich dich daran erinnern, dass du diesen Keks in Loras Haus gegessen hast und jetzt Drachenflügel hast? Du kannst fliegen. Jederzeit und wohin du willst, den Sternen entgegen. Das ist doch wohl bedeutend spektakulärer, als den Zickigezitronenbaum zu sehen.“

„Ja, da hast du allerdings recht. Aber ich denke, wir sollten morgen mal den alten Zugis besuchen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass Rabo noch einiges vorhat.“

Und so beschlossen sie, am nächsten Tag den etwas mürrischen Zugis um Rat zu fragen. Zeppo sorgte dafür, dass seine Freunde sicher nach Hause kamen, und flog dann selbst zu seiner Dracena.

Band 2: Das Geheimnis des Wetschomobils - Lora im Taschenformat

Der nächste Morgen brach bereits an. Die vier Waldbewohner und Lora waren eigentlich schrecklich müde. Sie hatten nicht viel geschlafen und waren nur von der Aufregung um das verschwundene Wertschomobil wachgehalten worden. Doch trotz ihrer Müdigkeit wollten sie wissen, was es mit Digis auf sich hatte. Wie hatte er sie denn bloß gefunden? Und was war das für ein Gerede, dass er den Weg kannte?

Sie hatten wieder ein Feuer entfacht und saßen im Kreis darum herum und lauschten Zeppo und Digis. Zeppo runzelte die Stirn.

„Also ich möchte jetzt gerne wissen, wieso du uns gefolgt bist. Und wieso kennst du den Weg nach Rasenien? Und…“

Digis hob beschwichtigend die Hand.

„Bitte, ich kann alles erklären, aber lass mich von Anfang an erzählen.“

Zeppo und die anderen nickten ihm zu. Digis lehnte sich zurück und begann.

„Nachdem ich dich besucht hatte, ließ ich dich nicht mehr aus den Augen. Ich hab dich verfolgt. Natürlich konntest du mich nicht sehen. Ihr wisst ja, dass wir uns besonders gut tarnen können. Das liegt an unserem Umhang und unserem Hut. Beide sind aus einem ganz besonderen Garn gewebt, aus Wertschgarn. Es kann die Farbe wechseln. Oder es passt sich dem Hintergrund an. Und äh … ach, ist auch nicht so wichtig. Jedenfalls war ich eine ganze Weile lang damit beschäftigt, dich zu beobachten. Als ich mitbekommen hatte, was mit deiner Tante passiert ist, und dass ihr einen Weg nach Rasenien sucht, kam mir eine Idee. Ich bin aus Rasenien und bin diesen Weg schon mehr als einmal gegangen. Das bedeutet, ich kenne ihn ziemlich gut.“

Zeppo unterbrach ihn.

„Was soll das heißen, du bist diesen Weg schon mehr als einmal gegangen. Wann?“

Digis sah aus als wolle er lieber nicht darüber sprechen.

„Nun ja, schon vergessen? Ich bin ein Verräter. Ich musste Rasenien damals verlassen. Ich, ähm, habe meine Familie verraten. Aber das tut jetzt nichts zur Sache. Wie dem auch sei, ich kenne den Weg. Deshalb habe ich euch, obwohl ich wahrlich nicht gut zeichnen kann, eine Wegbeschreibung gezeichnet. Und die wollte ich euch bringen.“

Digis zog einen Zettel aus seinem Umhang und faltete ihn auseinander. Er war sehr häufig geknickt worden und die Schrift war stellenweise schlecht zu lesen. Er reichte ihn Zeppo herüber, der ihn gerne entgegen nahm. Zeppo sah sich den Zettel eine Weile lang an. Dann sah er zu Digis herüber.

„Danke, das ist nett. Aber bist du dir sicher, dass du mir alles gesagt hast? Ist da nicht noch etwas anderes?“ Digis schüttelte den Kopf.

„Nein, das wäre alles. Ich helfe euch, indem ich euch den Weg nach Rasenien zeige. Erwartet aber nicht, dass ich euch begleite. Ich kann nicht mehr dorthin zurück. Ihr seid auf euch allein gestellt.“

Mit diesen Worten sprang er auf, hüllte sich in seinen Umhang und war in großer Eile aus ihrem Sichtfeld verschwunden.

Zeppo versuchte nicht, ihn aufzuhalten. Er dachte bei sich, Digis würde einen guten Grund haben, so schnell zu verschwinden. Lisbeth, Jina und auch Sternchen wirkten erstaunt. Lora hatte so ein Verhalten erwartet und war nur wenig erstaunt.

„Also Leute, dann lasst uns nun, da wir die Karte doch endlich haben, sehen, dass wir vorankommen.“

Sie trieb die anderen an. Alle packten ihre Sachen zusammen und sie marschierten los. Sie liefen eine ganze Weile lang kreuz und quer über Stock und Stein und durch tiefes Gestrüpp. Irgendwann begannen sie, sich zu unterhalten.

„Sag mal Zeppo, hatte denn deine Tante irgendwelche Feinde? Ich meine, wer könnte sie entführt haben? Und vor allem warum?“

Lisbeth fragte sich das schon die ganze Zeit. „Der Entführer muss doch irgendetwas wollen. Er hat doch deine Tante nicht nur so zum Spaß entführt. Irgendwas muss doch dahinter stecken. Und dann diese Sache mit dem Wertsch! Warum ist er ausgerechnet jetzt so interessiert an deinem Wertschomobil? Er hatte doch vorher genügend Zeit gehabt, dich danach zu fragen. Also für mich klingt das alles sehr merkwürdig. Wenn du mich fragst, hängt das alles irgendwie zusammen.“

Lisbeth stapfte munter vor den anderen her. Sie schien nicht müde zu werden. Und während Zeppo ihr dicht auf den Fersen war, trotteten Sternchen und Jina ein wenig hinterher. Lora hatte sich weiter zurückfallen lassen. Es machte den Eindruck als wolle sie mit ihren Gedanken gerne allein gelassen werden. Und so ließen die vier sie in Ruhe. Zeppo ergriff das Wort.

„Ja Lisbeth, ich glaube das hängt wirklich alles zusammen. Digis hatte den Brief von meiner Cousine Mera. Und ich frage mich, woher hatte er ihn? Wie hat er ihn bekommen? Und außerdem, wenn ich nicht von diesem Brief erfahren hätte, dann hätte ich auch niemals von der Entführung meiner Tante erfahren. Aber ich frage mich die ganze Zeit, was der Entführer wohl will.“

Es herrschte einen Moment lang Stille. Lisbeth blieb stehen. Sie drehte sich zu Zeppo um.

„Vielleicht will der Entführer dein Wertschomobil.“ Alle blieben stehen. Zeppo war überrascht.

 „Jetzt denkt doch mal nach!“, sagte Lisbeth, „In dem Brief von deiner Cousine stand, dass du auf keinen Fall nach Rasenien kommen sollst. Und weil er so merkwürdig geschrieben war, bist du misstrauisch geworden. Wie wir alle. Und wir haben erfahren, was mit deiner Tante passiert war. Also sind wir losgezogen um deine Tante zu befreien ohne Genaueres zu wissen. Und jetzt tun wir genau das, was du nicht tun solltest. Zeppo, was wenn jemand genau das alles hier gewollt hat? Was, wenn jemand ganz bewusst diesen Brief geschrieben hat, um dich nach Rasenien zu locken?“

Wieder herrschte absolute Stille. Man hörte nur noch die Geräusche des Waldes. Zeppo stand wie angewurzelt da. Alle starrten ihn an.

„Das hört sich alles sehr logisch an, aber warum sollte jemand ausgerechnet mich nach Rasenien locken wollen. Und was soll das Wertschomobil damit zu tun haben?“ Zeppo sah fragend zu Lisbeth herüber.

Lisbeth grübelte. Sie ging weiter und die anderen folgten ihr. Sie blieb plötzlich stehen und wurde von den anderen beinahe umgerannt.

„Ist dein Wertschomobil denn wertvoll? Oder hat es etwas Besonderes an sich?“

Zeppo schüttelte den Kopf.

„Das ganze Wertschomobil ist etwas Besonderes. Ich kenne niemanden sonst, der so etwas hat. Vielleicht will es jemand haben, weil es einzigartig ist. Aber wer?“

Niemand antwortete Zeppo. Stumm gingen sie weiter. Jeder ging seinen eigenen Gedanken nach. Keiner von ihnen sprach ein Wort. Plötzlich hörten sie ein zischendes Geräusch hinter sich. Es machte ZZZSCHH und FIIIIP und plötzlich machte es ZIP!

Die vier drehten sich um und sahen erschrocken zu Lora. Sie war von einer Rauchwolke umgeben, die sich langsam verzog. Dann, auf einmal, war sie winzig klein. So klein, dass sie bequem in Jinas Umhängetasche gepasst hätte.

Zeppo und seine Freunde standen um die kleine Hexe herum und starrten sie an. Sternchen beugte sich zu ihr herunter.

„Lora? Ist alles in Ordnung? Ich meine, du bist ganz winzig! Kannst du …, äh, gibt es einen Grund dafür? Also, weißt du, warum du so klein bist?“

Lora reckte ihren Hals. Es fiel ihr sehr schwer, zu den anderen hochzuschauen.

„Sternchen, sei doch bitte so nett und nimm mich hoch. Ich müsste in deine Hand passen.“

Sternchen tat, worum Lora sie gebeten hatte. Zeppo, Lisbeth, Jina und Sternchen starrten auf die kleine Hexe in Sternchens Hand.

Die blickte zu ihnen hoch. Sternchen wollte erneut wissen, was geschehen war.

„Lora, was ist denn bloß passiert? Wieso bist du plötzlich so winzig klein?“

Alle warteten auf eine Antwort. Lora ließ sich damit Zeit. Sie blickte traurig drein.

„Hmh, ich muss zugeben, dass ich es selbst nicht ganz genau weiß. Ich habe da so eine Ahnung, aber es könnte auch einfach etwas völlig anderes sein. Vielleicht ist es ja auch die Wurzelgrippe.“

Jina schüttelte energisch den Kopf.

„Nein, nein, das kann nicht sein. Du hast keine Wurzelgrippe. Ich weiß das ganz genau. Ich hatte die nämlich auch schon mal. Und ich bin damals nicht auf Taschenformat zusammengeschrumpft. Das war ganz anders. Aber was ist denn deine eigentliche Ahnung?“

Lora druckste ein wenig herum. Sie tippte mit ihrem winzigen Fuß auf Sternchens Hand herum – und das kitzelte sehr. So sehr, dass Sternchen ein wenig kichern musste.

„Naja, es könnte auch eine Familienkrankheit sein. Ich habe da so etwas gehört. Aber ich kann nichts Genaues sagen. Genau genommen können mir nur meine Eltern helfen. Ich muss wohl zu ihnen. Sie werden den Grund für mein Taschenformat nennen können.“

Zeppo gab ein grummeliges Geräusch von sich.

„Na toll, sollen wir jetzt noch einen Umweg machen? Das dauert alles viel zu lange.“

Lora schüttelte ihren kleinen Kopf. Ihre roten Haare standen mal wieder in alle Richtungen ab.

„Nein Zeppo, ich werde allein zu meinen Eltern gehen. Ich weiß, dass ihr nicht noch mehr Zeit verlieren wollt.“

Lisbeth hatte einen Einwand.

„Aber Lora, wie willst du denn zu deinen Eltern gelangen?“

Sie deutete mit dem Finger auf Loras Besen Apfelsine. Der Besen lag auf dem Waldboden und hatte immer noch seine normale Größe. Die Freunde hatten sich schon darüber gewundert, das Lora ihren Besen unbedingt mitnehmen wollte. Denn da sie zur Zeit ein paar Schwierigkeiten mit dem Zaubern hatte, konnte sie auch nicht besonders gut fliegen. Sie hatte es zwar versucht, aber sie war jedes Mal zu Boden gegangen. Trotzdem wollte sie ihren Besen mit nach Rasenien nehmen. Sie sagte, sie habe eine ganz besondere Beziehung zu ihrem Besen Apfelsine. Lora wäre niemals ohne ihn losgegangen, aber jetzt ergab sich ein echtes Problem.

Lisbeth sah zu Lora hinunter, die auf ihren Besen starrte und ein wenig ratlos aussah.

„Siehst du, was ich meine? Er ist nicht mitgeschrumpft. Er ist genau so groß wie vorher. Wie willst du also zu deinen Eltern gelangen? Ich meine, willst du laufen? Das kann bei deiner momentanen Größe eine halbe Ewigkeit dauern.“

Lora musste zugeben, dass Lisbeths Einwand durchaus Sinn hatte.

Sternchen hatte eine Idee.

„Du könntest dich doch einfach hinzaubern. Schließlich bist du eine Hexe.“

Lora winkte ab.

„Ich fürchte, dass meine Zauberkraft dafür nicht ausreicht. Ich bin geschrumpft, also sind auch meine Kräfte mitgeschrumpft. Ich muss irgendwie zu meinen Eltern gelangen. Aber wie?“

Lora grübelte und rieb sich dabei ihr Kinn. Und während sie das tat, dachten alle anderen angestrengt darüber nach, was man nun tun konnte. Bis Jina zu einem der Bäume ging und einen kleinen Zweig aufhob. Sie drehte sich zu den anderen herum und hielt den kleinen Zweig abschätzend in Loras Höhe.

„Hier, dieser Zweig, wie wäre es damit? Den könntest du doch einfach als Ersatz für Apfelsine nehmen und damit zu deinen Eltern fliegen.“

Lora fand die Idee gut. Sie verzauberte den kleinen Zweig, der freundlicherweise von Zeppo etwas zurechtgebogen wurde, damit Lora darauf Platz hatte. Lora vergewisserte sich noch einmal, ob es Apfelsine auch recht wäre, dass sie nun diesen mickrigen Zweig zum Fliegen nutzte. Dann verabschiedete sie sich von den anderen und flog los.

Zeppo, Lisbeth, Jina und Sternchen machten sich wieder auf den Weg nach Rasenien und nahmen Apfelsine mit. Sie hatten versprochen, den Besen aufzubewahren bis Lora zurückkehrte.

Band 1 Zusatzkapitel: Das Buch der roten Hexe - Lisbeth und der Falke

Lisbeth kletterte langsam an den kleinen Felsen hoch, die sie am Tag zuvor entdeckt hatte. Gleich hinter den Felsen lag ein kleines Tal mit bunten Blumen, von denen viele äußerst selten waren. Das wusste Lisbeth von ihrer Freundin Jina, der Floranerin. Aber sie war eigentlich hier, weil ihr die Farben dieser Blumen am Tag zuvor aufgefallen waren. Etwa zur Mittagszeit, als die Sonne ganz hoch stand, fielen einige Sonnenstrahlen auf die Blumen und sie glitzerten wie Edelsteine. Das hatte Lisbeths ganze Aufmerksamkeit gefangen genommen. Um diesen tollen Einblick einzufangen, hatte sie nun alle Sachen zum Malen dabei. Es war zwar nur ein Block, den sie sich unter ihre Schulter geklemmt hatte und ein paar Kreiden, aber trotzdem fragte sie sich, warum sie soviel mitgenommen hatte. Es war nicht gerade leicht für sie hier herzukommen. Aber sie war froh, dass sie nun ihr Ziel erreicht hatte. Sie atmete tief durch. Dann rieb sie sich kurz die Hände und machte sich daran den richtigen Platz zu finden, einen von dem sie den besten Blick hatte. Es war nicht gerade einfach und sie konnte sich nur schwer zwischen zwei Plätzen entscheiden. Um sie herum waren nur Felsen mit vielen, ziemlich tiefen Spalten zu sehen. Sie stieg hier und da auf einen Felsen oder versuchte sich zwischen die kleinen oder größeren Spalten zu setzen. Dabei sah sie immer wieder zu den Blumen herüber. Schließlich fand sie den richtigen Platz. Sie setzte sich in den Schneidersitz und begann zu malen. Eine Weile lang war es ganz still um sie herum. Lisbet war ganz vertieft in ihr Motiv und ihre Zeichnung. Sie genoss die warmen Sonnenstrahlen auf ihrer Haut und blickte unwillkürlich einige Male um sich. Nach etwa einer Stunde, sie war schon ziemlich weit mit ihrer Zeichnung, lehnte sie sich zurück. Es war Zeit eine kleine Pause einzulegen. Sie legte ihre Kreide für einen Moment beiseite. Ihr Blick ging hoch zum Horizont. Während sie den Horizont eingehend betrachtete und sich fragte was ein Horize jetzt wohl darin alles sehen würde, fiel ihr ein Schwarm mit einigen großen Vögeln auf. Die Vögel waren sehr schnell, Lisbeth hielt ihren Blick auf den Schwarm gerichtet. Sie überlegte, ob sie vielleicht als nächstes eine paar Bilder von Tieren zeichnen sollte. Doch das war nicht leicht, wie sollte sie die Tiere dazu bringen, sich nicht zu bewegen. Ob ihr Zeppo wohl dabei helfen würde? Schließlich war er ein Sjerp und konnte mit Tieren sprechen. Sie beschloss ihn so bald wie möglich, danach zu fragen. Während sie ihren Gedanken freien Lauf ließ kamen die Vögel immer näher und sie konnte erkennen, dass es Falken waren. Einer von ihnen flog hastig voraus, er war ein paar Flügelschläge schneller als die anderen. Lisbeth sah genauer hin. Es sah so aus, als ob der Falke von den anderen gejagt wurde. Sie stützte sich ein wenig am Felsen ab und streckte sich, um besser sehen zu können. Ihre Vermutung war richtig, der Falke, der vorne wegflog, wurde wirklich von den anderen gejagt. Denn es war offensichtlich, das die hinteren Falken versuchten den vorderen schnell einzuholen. Lisbeth zählte die Gruppe dahinter schnell nach. Acht Falken die einen einzigen jagen, das war aber sehr unfair. Sie fragte sich, was da wohl los war. Als die Falken direkt über ihr waren, machte einer von ihnen einen mächtigen Flügelschlag und holte damit den vorderen Falken ein. Er war jetzt genau auf Höhe des vorderen Falken. Lisbeth konnte die Bedrohung förmlich auf ihrer Haut spüren. Irgendwas Schlimmes würde jetzt gleich bestimmt passieren. Der gejagte Falke geriet aus seiner Bahn und flog etwas tiefer. Doch der zweite Falke setzte so gleich nach und stieß den vorderen sehr heftig an. Der vordere Falke strauchelte und fiel auf einmal, wie ein Stein, vom Himmel. Lisbeth konnte hören, wie die Baumwipfel ihn auffingen. Ihrer Kehle entging vor Schreck ein kurzer Schrei. Sie fürchtete die Falken könnten sie hören und hielt sich schnell die Hand vor den Mund. Die Falken drehten ab und flogen davon und Lisbeth konnte nun nichts mehr halten. Die Blumen würden morgen auch noch da sein, aber dieser Falke brauchte vielleicht Hilfe. Sie stürzte los. Über die kleinen Felsen, die vor ihr lagen, kletterte sie so schnell, wie es ihr nur möglich war. In Windeseile kam sie auf der anderen Seite wieder herunter. Sie landete auf einer Fläche mit niedrigem Gras und lief in den Wald hinein. Sie hatte eine ungefähre Ahnung, wo der Falke gelandet sein musste, und so ging sie zügig ihrem Gefühl nach. Nach ein paar Minuten und einigen Metern, die sie in Eile hinter sich gebracht hatte, sah sie einen Baum mit einer merkwürdigen Baumkrone. Sie blieb abrupt stehen und sah ihn sich genauer an. Es sah so aus als hätte der Baum den Falken verschluckt, denn der war im Blätterdach gefangen. Durch die Blätter konnte Lisbeth sein Gefieder blitzen sehen. „Oh je! Warte, ich versuche, dich da raus zu holen.“ Sie rief es ganz laut aus, obwohl sie wusste, dass der Falke sie nicht verstehen konnte. Schließlich war sie kein Sjerp. Sie konnte nicht mit Tieren sprechen. Aber trotzdem versuchte sie beruhigend auf ihn einzureden, während sie fieberhaft überlegte, wie sie den Falken befreien konnte. Nur noch ein paar Schritte und sie stand direkt vor dem Baum. Ein wenig ratlos blickte sie zur Baumkrone hinauf. Sie überlegte einen Moment. „Hmh, Falke, das wird nicht einfach werden. Und du solltest wohl ein wenig Geduld haben. Denn so auf die Schnelle wird das nicht gehen.“ Ihr Entschluss war schnell gefasst, sie machte sich daran, den Baum hoch zu klettern. Darin war sie ziemlich gut, sie war klein und wendig. Und sie war schon so häufig auf Bäume geklettert, das sie das im Schlaf konnte. Sie blickte immer wieder zum Falken herüber. Der bewegte sich kaum und sie machte sich sorgen. „He bist du noch da? Ja bist du, zum Glück. Ich hoffe, du bist nicht verletzt, denn ich habe leider keine Ahnung, wie man die Wunden eines Falken behandelt. Aber du musst dich nicht fürchten. Hab keine Angst.“ Sie saß auf einem Ast und rutschte vorsichtig weiter. Da hörte sie plötzlich eine fremde Stimme. „Ich habe keine Angst und ich bin auch nicht verletzt, zumindest nicht schwer.“ Lisbeth stockte der Atem. Sie blickte sich fragend um. „Hallo? Wer ist da.“ Der Falke raschelte im Blätterdach. „Ich bin es, hier drin, im Baum. Ich bin es.“ Lisbeth sah zum Himmel hinauf. „Hey hör mal, das ist nicht besonders witzig, hörst du. Statt mich zu ärgern, könntest du mir lieber helfen, den Falken zu befreien.“ „Ich bin der Falke.“ Lisbeth sah erstaunt zum Falken herüber. Sie konnte ein Auge von ihm durch die Blätter erkennen. „Unmöglich, Falken können doch nicht unsere Sprache sprechen, ich meine ich bin doch kein Sjerp, das ist nicht möglich.“ Sie schüttelte den Kopf, als wolle sie etwas aus ihm heraus schütteln. „Doch das ist möglich, dass ich mit dir spreche.“ Lisbeth war nun bis zum Falken herangeklettert. Sie zückte ein kleines Messer und begann an den Ästen zu sägen. „Nein, das ist absolut unmöglich, dass ein Falke spricht und sich mit mir unterhalten kann. Ich meine woher, kannst du unsere Sprache?“ „Ich hoffe, es genügt dir, wenn ich dir sage, ich kann sie eben. Woher möchte ich nicht sagen.“ Lisbeth nickte nur. „Wie heißt du Falke?“ Sie sägte weiter, gleich hatte sie den ersten Ast weit genug angesägt, um ihn durchzubrechen. „Mein Name ist Luk. Wie heißt du?“ Lisbeth hatte das Messer am Griff kurz in den Mund genommen, um den Ast abzubrechen. „Lisbeth, ich bin eine Kreatin.“
Der Falke machte eine kurze Bewegung. Doch Lisbeth hob so gleich ihre Hand. „Hey, äh, Luk, du solltest dich nicht so viel bewegen. Dann wird es nur noch schwieriger für mich, dich hier herauszuholen.“ Der Falke blickte sie kurz an. „Entschuldige, aber mein Flügel hatte sich ein wenig eingeklemmt. Sag mal wieso hilfst du mir überhaupt?“ Lisbeth hielt einen Moment inne. Überrascht und verwundert über die Frage blickte sie zu Luk herüber. „Wieso fragst du? Möchtest du nicht, dass ich dir helfe?“ „Das meine ich nicht. Es ist nur so, das ich nicht recht verstehe, wieso du einem Falken hilfst, den du nicht kennst. Und der dazu auch noch deine Sprache spricht.“ Lisbeth saß auf einem großen breiten Ast und wunderte sich. Sie sah kopfschüttelnd den Falken an. Dann machte sie sich weiter daran, ihn aus der Baumkrone heraus zu schneiden. „Nun also ich dachte mir, du könntest vielleicht Hilfe gebrauchen. Ich nehme nicht an, dass du immer ein Messer oder Ähnliches dabei hast für solche Situationen wie diese hier.“ „Nein natürlich habe ich kein Messer dabei. Ich bin immer noch ein Falke. Aber woher wusstest du denn, dass ich hier bin. Und wie konntest du so schnell hier sein?“ „Ich war hier in der Nähe und habe gesehen, na ja, wie du vom Himmel gefallen bist.“ „Oh. Ach so ist das.“ Der Falke Luk schwieg einen Moment lang. Es war ihm sehr unangenehm, dass Lisbeth ihn vom Himmel hatte fallen sehen. Lisbeth, der auffiel, dass es dem Falken unangenehm war, setzte schweigend ihre Arbeit fort. Doch nach einer Weile siegte bei ihr die Neugier. Eigentlich sah es ihr nicht ähnlich, neugierig zu sein, aber sie dachte sich, das habe sie wohl von ihrem Freund Zeppo. „Du Luk, sag mal, habe ich das richtig gesehen, dass du von den anderen Falken gejagt wurdest? Ich meine, es hat irgendwie so ausgesehn, als hätten die anderen Jagd auf dich gemacht.“ Luk wollte Lisbeth eigentlich nichts erzählen, aber da sie ihm einfach so geholfen hatte überlegte er es sich anders. „Du liegst richtig, sie haben Jagd auf mich gemacht. Genau genommen haben sie mich verstoßen.“ Lisbeth sah zu ihm herüber. „Verstoßen, aber warum denn?“ Sie konnte das nicht recht verstehen und wünschte sich für einen kurzen Moment lang, dass Zeppo jetzt da wäre und sie ihn einiges fragen könnte. Zeppo wusste nämlich meist ziemlich gut bescheid, über die Lebensumstände aller Tiere, die er so kannte. Auch wenn er diesen Falken sicher nicht kannte, so war sie sich sicher, dass er bestimmt etwas über Falken erzählen konnte. Doch der Falke Luk antwortete ihr bereits auf ihre Frage. „Nun, weißt du ich wurde verbannt, weil ich eure Sprache spreche. Die der Waldbewohner. Das fand Arkas, der Anführer des Falkenschwarms, den du gesehen hast, nicht besonders gut. Und als er es herausfand, hat er mich verstoßen. Ganz einfach.“ Lisbeth zog eine Augenbraue hoch. „So einfach ist das für mich nicht. Erstens, was ist schlimm daran, dass du unsers Sprache sprichst. Und zweitens seit wann, fliegen Falken in Schwärmen. Ich meine ich habe ja nicht viel Ahnung von Falken, aber das ist doch ziemlich ungewöhnlich.“ Der Falke nickte. Auch wenn Lisbeth es nicht erkennen konnte. „Du hast recht, das ist sehr ungewöhnlich, aber es ist nun mal so. Ich habe mich diesem Schwarm, oder ich sollte wohl besser sagen dieser Schar von Falken angeschlossen. Der Anführer war Arkas, der große Falke, der mich dann auch vom Himmel gestoßen hat. Und es ist für einen Falken, für einen König der Lüfte nicht besonders gut, wenn er mit den Waldbewohnern sprechen kann. Schließlich steht und fliegt ein König der Lüfte über den Dingen. Zumindest über den Waldbewohnern. Das ist jedenfalls die Meinung von Arkas. Deshalb hat er mir auch verboten, mit Waldbewohnern zu sprechen. Aber ich habe das nicht nur anders gesehen, sondern mich auch über sein Verbot hinweggesetzt. Das gefiel ihm wohl nicht. Jedenfalls hat er mich zu einem Kampf herausgefordert. Und das Ende hast du ja miterlebt.“ Lisbeth nickte nur. Sie hatte schon einen großen Teil der Äste um den Falken herum beseitigt. Sie dachte daran, was ihre Freundin Jina wohl dazu sagen würde, dass sie diese Äste hier abschnitt oder auch abbrach. Sicher würde ihr das nicht gefallen. „Das ist eine traurige Geschichte, die du da erzählst, Luk. Und dann hattest du auch noch das Pech in diese Falle hier zu geraten.“ „Nein, das war volle Absicht. Das mit der Falle hier. Ich meine nicht meine Absicht, sondern die Absicht von Arkas. Es gibt eine ganze Menge Fallenbäume wie diesen hier. Arkas kennt jeden davon, er hat genau im richtigen Moment reagiert und dafür gesorgt, dass ich hier drin lande. Es ist nicht möglich, ohne Hilfe von außen aus einem dieser Bäume heraus zu kommen. Das ist das ganze Geheimnis dieser Bäume.“ Lisbeth war es gelungen, die letzten Äste zu entfernen. Sie hatte nun freien Blick auf den Falken. Er hatte ein schönes schimmerndes Gefieder, gut gepflegt und in einem schönen Braun. Dieser Falke sah wirklich wie ein König der Lüfte aus. Er wirkte sehr stolz und auch ein wenig erhaben. Luk, der froh war, dass er frei war, breitete seine Flügel aus und schwang sich in die Luft. Er zog ein paar kleine Kreise und kam dann wieder zurück zu dem Baum. Lisbeth war in der Zeit bereits heruntergeklettert und sah durch die Baumwipfel hindurch zu, wie der Falke seine Kreise zog. Luk setze zur Landung an und setzte direkt vor Lisbeth auf dem Waldboden auf. Er zog seine Flügel ein. Jetzt erst konnte Lisbeth sehen, dass er nur ein Auge hatte. Das andere überzog eine Narbe und es war nur zur Hälfte geöffnet. „Oh je, Luk! Du hast ja nur noch ein Auge.“ Luk nickte traurig. „Ja das ist richtig. Ich habe mir diese Narbe beim Kampf gegen Arkas zugezogen. Mein Auge hat sehr darunter gelitten. Ich hoffe das macht dir keine Angst.“ Lisbeth schüttelte den Kopf und lächelte. „Nein, das machte es nicht. Ich habe mich nur gewundert.“ „Lisbeth ich muss mich bei dir bedanken. Aber ich glaube, das genügt nicht. Ich stehe in deiner Schuld. Ich schulde dir einen Gefallen. Was immer es auch sein wird, ich werde dir helfen. Das verspreche ich dir.“ Lisbeth winkte ab. „Nein das ist nicht nötig ehrlich.“ Doch Luk blieb hartnäckig. „Trotzdem ich bleibe dabei. Kennst du die Anhöhe da drüben in den Felsen, es ist ein ziemlich einsamer Ort. Dort wirst du mich finden. Also falls du mich mal benötigst. Leb wohl und noch mal vielen Dank.“ Luk machte einen Satz und war nach wenigen Flügelschlägen schon wieder in der Luft. Lisbeth sah ihm nach. Nun war sie mit einem Falken befreundet.

Band 1 Zusatzkapitel: Das Buch der roten Hexe - Wie Sternchen an die Zickige Zitrone kam

Sternchen saß auf einem ihrer Stühle und blickte durch ihr durchsichtiges Dach in den Horizont. Sie hatte ihre Beine hochgelegt und sich einen Tee aufgebrüht. Als sie gerade einen Schluck aus ihrer Teetasse nehmen wollte, eine Teetasse, die Lisbeth einst für sie bemalt hatte, klopfte es an der Tür. Sternchen wunderte sich ein wenig. Da sie in einem Baumhaus wohnte, war sie es eigentlich eher gewohnt, dass jemand an dem kleinen Glöckchen bimmelte, das gleich neben ihrer Haustür hing. Es war sehr selten, dass jemand die Strickleiter hochkletterte und direkt vor ihrer Tür stand. Das war schon ein wenig ungewöhnlich. Sternchen stellte die Teetasse beiseite sprang vom Stuhl auf und lief rasch zur Tür. Als sie diese öffnete, stand da, völlig unerwartet für Sternchen, Zeppo, der keuchte vor Anstrengung. Mit leuchtenden weit aufgerissenen Augen sah er sie an.

„Ha … Hallo Sternchen, gut, dass du da bist, ich hatte schon befürchtet, dass du nicht zuhause bist. Darf ich reinkommen?“

Sternchen ging einen Schritt zur Seite und ließ Zeppo herein. Doch sie sah ihm fragend ins Gesicht. „Sag mal, wie konntest du denn hier oben rauf gelangen? Ich hatte die Strickleiter doch gar nicht runtergelassen.“

Zeppo grinste seine Freundin breit an und deutete auf seinen Rücken. „Na wie wohl, ich bin hochgeflogen. Ich habe Flügel schon vergessen?“

Sternchen tippte sich gegen die Stirn. „Ach ja. Das hatte ich in der Tat völlig vergessen.“

Zeppo war ein wenig empört. „Vergessen? Wie konntest du das denn nur vergessen?“

Sternchen zuckte mit ihren Schultern. „Naja weißt du, ich kenne dich doch viel länger ohne diese Flügel, als mit ihnen. Deshalb muss ich mich erst einmal daran gewöhnen. Aber was, äh also verstehe mich bitte richtig, ich freue mich, dass du hier bist, aber was möchtest du denn hier.“

Zeppo rieb sich die Hände. Er hatte sich noch nicht mal hingesetzt. Sternchen konnte ihm ansehen, dass ihn etwas in Aufregung versetzte.

Sie kannte Zeppo einfach sehr gut. So wie auch Jina und Lisbeth. Nun stand er da und wirkte so aufgeregt, als habe er gerade zum ersten Mal Schnee gesehen, oder Ähnliches. Noch immer rieb er sich die Hände.

„Weißt du, ich wollte dich fragen, ob du mir zeigst, wo dieser Zickige Zitronen Baum steht. Na. Wie wäre das?“

Sternchen schaute Zeppo verwundert an. „Wieso?“ Zeppos Grinsen wurde ein wenig kleiner.

„Was heißt hier wieso? Und sag mal rieche ich da etwas frisch aufgebrühten Tee? Hast du auch ein paar Kekse?“

Sternchen nickte und ging an Zeppo vorbei zur Küche. Sie holte eine weitere von Lisbeth bemalte Tasse aus einem Schrank. Auf einen kleinen Lehmteller legte sie ein paar Kekse, die hatte sie einen Tag zuvor erst gebacken und ging damit zu Zeppo.

„Willst du dich nicht wenigstens setzen. Dann könntest du deinen Tee auch viel besser genießen.“

Zeppo setzte sich und nahm sich den Teller mit den Keksen. Er stopfte sich einen in den Mund. Und während er rasch kaute, setzte auch Sternchen sich wieder.

„Also noch mal zum Mitschreiben. Du möchtest zum Zickige Zitronen Baum. Gut. Aber wieso?“

Zeppo zuckte mit den Schultern und stopfte einen weiteren Keks in seinen Mund. Als er fertig gekaut hatte, antwortete er ihr.

„Ach weißt du, euch passieren immer die tollen Sachen und mir nicht. Ich meine ihr durftet diese Verständniskekse essen …“ Sternchen unterbrach ihn.

„Zeppo. Die haben wir doch nur bekommen, weil du ein Sjerp bist und sowieso mit Tieren sprechen kannst …“

Zeppo winkte ab. „Jaja. Aber trotzdem. Und ihr habt den Zickige Zitronen Baum gesehen und diesen Penokkabaum und …“ wieder unterbrach Sternchen ihn.

Diesmal wurde sie ein wenig lauter.

„Zeppo! Das war, weil Rabo uns am verlorenen Punkt abgesetzt hatte. Du erinnerst dich sicher daran, dass wir dir erzählt haben, wie wir den Weg nach Hause …“

Zeppo winkte wieder ab.

„Ja. Ja. Du hast ja recht. Aber ich will ihn sehen diesen Baum. Außerdem könnte es sicherlich ganz nützlich sein, so eine Zitrone zu haben. Ich meine, man weiß ja nie, oder? Und wir wollen doch auf alles vorbereitet sein.“

Sternchen stellte ihre Tasse ab. Sie hatte sie die ganze Zeit in der Hand gehalten, doch jetzt stellte sie sie lieber ab. Sie stützte sich auf ihre Knie und legte ihren Kopf in die Hände. „Ach Zeppo. Du stellst dir das alles so einfach vor. Du hast doch gehört, was Lora gesagt hat. Man bekommt nur eine Zitrone, wenn sich alle Zitronen gemeinsam dazu entschließen. Und ich glaube nicht, dass das schon jemals vorgekommen ist. Ich meine es sind Zickige Zitronen und das sind sie wirklich. Sie sind nicht einfach. Ich wüsste wirklich nicht, wer sie überzeugen sollte.“

Zeppo lehnte sich zurück und pustete ein wenig auf seinen Tee. Er hatte sich gerade seine Tasse gefüllt. „Du natürlich Sternchen. Wer sonst?“

Sternchen sah Zeppo fassungslos an. „Ich, wieso ich? Wieso glaubst du denn, dass ich die Zitronen überzeugen könnte?“

„Nun ja, ich kenne deine Überzeugungskünste. Sie sind ziemlich gut. Ich denke du kannst es schaffen. Also was meinst du?“

Sternchen dachte einen Moment lang nach. Eigentlich war das vollkommen unsinnig und sie konnte keine rechten Sinn darin erkennen. Aber Zeppo bedeutete es sehr viel, und er war ihr bester Freund.

„Also schön. Lass es uns versuchen. Aber ich kann nichts versprechen.“

Zeppo machte einen Satz vor Freude. Dabei rutschte die Teetasse von seinem Schoß und zerfiel in viele Scherben, was Sternchen sehr ärgerte. Schließlich hatte sie diese Tassen von Lisbeth zu ihrem Geburtstag bekommen. Aber da Zeppo ihr half alles wieder aufzuräumen, war ihre Wut schnell verflogen. So machten sie sich also auf zum Zickige Zitronen Baum.

Zeppo trug Sternchen vor sich her und flog in die Höhe. Sternchen fiel auf, wie viel Spaß das machte zu fliegen und sie hatte nicht die geringste Spur von Angst. Sie sagte Zeppo, wo er lang fliegen musste. Doch sie verflogen sich ganze drei Mal. Schließlich hatte Sternchen damals mit Lisbeth und Jina diesen Teil des Waldes zu Fuß durchquert. Sternchen führte Zeppo zunächst zum verlorenen Punkt. Von da aus überflogen sie die Sturmbäume und Sternchen war erstaunt darüber, dass man sogar hier oben den Sturm, den diese Bäume erzeugten, spüren konnte. Irgendwann, ziemlich plötzlich, für Zeppos Geschmack, bat Sternchen darum abgesetzt zu werden.

„Hier ganz in der Nähe ist es. Ich möchte, um sicher zu sein, aber gerne zu Fuß gehen, dann kann ich mich besser orientieren.“ Zeppo tat, worum Sternchen ihn gebeten hatte, und zog seine Flügel ein, um sie zu Fuß zu begleiten. Etwa eine Viertelstunde später konnten sie den Zickige Zitronen Baum sehen. Zeppo lief vor Aufregung ein wenig schneller. Er sah sich den Baum genau an. Das also, war er. Der Zickige Zitronen Baum! Doch er traute sich nicht so recht, näher an den Baum heranzugehen. Er wandte sich vorsichtig an Sternchen. „Sag mal. Bist du dir sicher, dass dies der richtige Baum ist? Ich meine, es ist alles still hier. Hattet ihr nicht erzählt, dass sie wie ein Haufen Gänse wild durcheinander geschnattert haben?“

Sternchen winkte ab. „Psst. Leise. Das ist auch so gewesen, aber vielleicht schlafen sie oder so.“

Zeppo drehte sich fragend zum Baum um. Seine Stimme wurde, ohne dass er es wollte etwas lauter.

Schlafen!? Ich glaube nicht das Zickige Zitronen schlafen.“ Doch das hätte er besser nicht gesagt. Denn auf einmal reagierten die Zitronen an diesem Baum auf ihn. Das war zwar, was er gerne wollte, aber sicher nicht auf diese Weise.

„Tzz. Was fällt dir ein, uns zickig zu nennen? Wer bist du überhaupt? Und wieso sollten wir nicht schlafen?“ Kam es von einer Zitrone.

Sternchen, die ein wenig hinter Zeppo zurückgeblieben war, hatte nun aufgeholt. Sie stand nun direkt neben Zeppo. Sie lächelte ihn an, doch er sah es nicht. Er blickte ganz fasziniert auf den Baum. Die Zitronen wetterten weiter.

„Ja, ja und jetzt hast du uns auch noch geweckt. Das ist wirklich nicht nett. Nein. Wirklich nicht. Du bist ein schlimmer..äh.. Also was bist du denn eigentlich? Ein Zitronenfalter ganz sicher nicht. Die haben schönere Flügel als du. Hihi.

Von allen Seiten konnte man nun ein Kichern hören.

Zeppo verschränkte ein wenig beleidigt die Arme. „Das hättest du mir auch sagen können Sternchen, dass sie so gemein sind.“

Doch Sternchen flüsterte nur. „Sei schon still, sonst bekommen wir niemals eine Zitrone von ihnen.“

Zeppo schmollte. „Na schön, wenn du glaubst, dass du das besser kannst. Bitte.“

Aber Sternchen knuffte ihn in die Seite.

„Nein, du glaubst doch, dass ich das besser kann. Schließlich hast du mich überhaupt erst hier hergebracht.“

Zeppo nickte nur und bedeutete Sternchen mit den Zitronen zu sprechen. Die trat hervor und sprach mit fester Stimme.

„Hallo äh. Ich grüße euch, ihr seid doch die z… äh anspruchsvollen Zitronen nicht wahr? Also ich bin Sternchen, das ist ein Freund von mir, sein Name ist Zeppo. Und um eure Frage zu beantworten … er ist ein Sjerp.“

Es folgte Stille. Keine einzige Zitrone gab auch nur einen kleinen Laut von sich. Aber das war nur für einen kurzen Moment. Dann konnten die Zitronen nicht anders und es ging los.

„Toll. Und was sollen wir mit diesen Informationen anfangen?“ Und von einer anderen Zitrone kam „Ja ganz genau, glaubst du etwa, dass uns das interessiert?“ „Nein, nicht im geringsten. Das steht schon mal fest. Aber was ist ein Sjerp überhaupt und wer bist du?“

Sternchen schüttelte ihren Kopf. Diese Zitronen waren schon ziemlich schwierig.

„Ein Sjerp ist ein Waldbewohner, der mit Tieren sprechen kann. Wisst ihr, sie stammen nämlich von den Tieren ab. Und ich bin eine Horizin, ich war schon mal bei euch. Vielleicht erinnert ihr euch ja noch daran. Ich hatte zwei Freundinnen dabei. Das ist noch gar nicht mal so lange her.“

Wieder antworteten die Zitronen ihr und sie waren nicht freundlich. „Und wieso sollte uns das interessieren?“ „Ja wieso?“ „Sag mal warum bist du denn eigentlich zurückgekommen? Ich meine hier kommt eigentlich niemand nochmal hin.“

Sternchen lächelte, obwohl sie sich nicht sicher war, ob die Zitronen das überhaupt sehen konnten.

„Also meine Freunde und ich waren so begeistert von euch, dass wir das unserem Freund Zeppo erzählt haben. Und der war neugierig und wollte euch auch mal sehen. Ich meine, ihr seid doch etwas Besonderes.“

„Oh. Sie schmeichelt uns. Wie nett.“ „Das finde ich nicht. Es ist nicht nötig, uns zu schmeicheln.“ „Und es ist auch nicht angebracht. Wir sind Zitronen, zugegeben wir sind anspruchsvoll, aber wir wissen, dass wir Zitronen sind.“

Sternchen nickte nur. Die letzte Äußerung der Zitronen fand sie ziemlich beeindruckend. Doch die Zitronen waren keineswegs fertig. „Aber sag mal Kindchen, was willst du denn eigentlich hier?“ „Ja, du kannst es uns ruhig sagen, denn seien wir mal ehrlich, du willst doch irgendetwas nicht wahr?“

Sternchen druckste ein wenig herum. „Och … ähm also wisst ihr ich, wir … äh“.

Dabei kratzte sie sich nervös am Kopf. Und sie fragte sich, warum Zeppo so still neben ihr stand. Eben noch konnte er es kaum erwarten, eine Zitrone zu kriegen und jetzt wollte er ihr nicht mal helfen. Doch Zeppo hatte nicht das Gefühl, dass Sternchen auch nur im Mindesten Hilfe benötigte. Nach seiner Ansicht machte sie das ganz prima. Nachdem Sternchen ihm einen bösen Blick zugeworfen hatte, drehte sie sich wieder zu den Zitronen.

„Ich will ehrlich zu euch sein. Wir stecken in Schwierigkeiten. Wir haben uns mit einer Hexe angefreundet, der roten Lora, vielleicht kennt ihr sie. Nun, sie wird von einem Zauberer gesucht, der sehr gefährlich ist. Und da wir wissen, wo sie wohnt, versucht dieser Zauberer alles, um das aus uns heraus zu bekommen.“

Die Zitronen schwiegen einen kurzen Moment. Und dann schnatterten sie erneut los.

„Ja tolle Geschichte wirklich, aber was hat das mit uns zu tun?“ „Ja Schätzchen, was?“

Sternchen trat von einem Fuß auf den anderen. „Im Grunde hat das nichts mit euch zu tun, aber wir wollten euch um eure Hilfe bitten. Wir geraten immer wieder in schwierige Situationen wegen der ganzen Geschichte. Und da hatten wir an eure Hilfe gedacht.“

Die Zitronen lachten im Chor laut los. „Haha. Willst du dich über uns lustig machen? Wir sind Zitronen. Wie sollten wir euch wohl helfen können?“

Sternchens Augen leuchteten.

„Naja, unsere Freundin, die Hexe, von der ich euch eben erzählt habe, hat uns erzählt, dass man sehr schnell laufen kann, wenn man in eine von euch hineinbeißt. Und das kann eine sehr große Hilfe sein.“

Die Zitronen mussten Sternchen zustimmen.

„Ja. Das kann eine große Hilfe sein. Das kann aber auch zu einer Menge Schlechtem eingesetzt werden. Und auf keinen Fall möchten wir für so etwas verantwortlich sein.“

Das konnten Zeppo und Sternchen gut verstehen. Und beide waren beeindruckt von der Einstellung der Zitronen.

„Nun wie wäre es damit. Wir versprechen, die Zitrone nur zu einem guten Zweck einzusetzen.“ Sternchen lächelte.

Und wer sagt uns, dass ihr euch auch daran haltet? Außerdem, wer entscheidet, was etwas Gutes ist und was nicht.“

„Ja, vielleicht ist diese Hexe eigentlich die Böse und ihr seid ihre Komplizen. Und wir sind nur die dummen Zitronen, die auf einen von euren Tricks reinfallen.“

Sternchen lies den Kopf hängen. Sie wusste nicht mehr weiter. Sie wollte eine Zitrone, nicht für sich, viel mehr für Zeppo und ihre beiden Freunde. Aber wie sollte sie das bloß anstellen? Doch auf einmal kam ihr eine Idee. Sie blickte auf und lächelte sanft.

„Wie wäre es damit, die Zitrone darf selbst entscheiden, ob sie uns hilft oder nicht. Sie entscheidet über das Wo und Wann und über das Überhaupt.“

Die Zitronen waren erneut ganz still. Diesmal länger als sonst, was Zeppo und Sternchen als gutes Zeichen deuteten.

„Also haben wir das richtig verstanden, die Zitrone darf selbst entscheiden, ob sie euch hilft und wann und in welcher Form?“, gab eine Zitrone von sich. „Und ihr werdet sie nicht drängen oder überzeugen oder auf sie eine reden oder Ähnliches?“

Sternchen hob eine Hand. „Ja das ist richtig, ich bin bereit das zu beschwören, falls euch das hilft. Und ich biete mich an, die Zitrone zurück zu euch zu bringen, wenn sie es möchte.“

Die Zitronen sprachen nun mit einer Stimme. „Das ist ein Angebot, mit dem wir vielleicht sogar leben können. Wir werden uns kurz beraten. Wartet einen Moment.“

Von einem auf den anderen Moment, wurde der Baum ganz dunkel. Sonst leuchteten die Zitronen in einem fröhlichen Zitronengelb, doch jetzt waren sie ganz dunkel. Wie Lichter die plötzlich erloschen. Doch das dauerte nur einen Moment an. Dann trat die zitronengelbe Farbe wieder zurück in die Zitronen.

„Wir haben uns entschieden. Wir werden euch eine Zitrone geben. Unter der Bedingung, dass ihr sie nicht drängt. Sie darf selbst entscheiden ob und wann sie euch helfen möchte. Und wenn sie zurück zu uns möchte, dann bringst du sie hier her zurück, ohne zu zögern.“

Sternchen nickte nur. Da sie sich aber nicht sicher war, ob die Zitronen sie sehen konnten stimmte sie noch einmal laut zu. Der Baum leuchtete einmal hell auf und von einem der Äste fiel langsam eine helle Zitrone ab. Sternchen fing sie sanft auf und betrachtete sie genau. Sie sah aus wie eine ganz normale Zitrone. Kein kleines Gesicht oder ähnliches, wie sie es erwartet hätte. Nur eine normale Zitrone. Die Zitronen wandten sich noch einmal an Zeppo und Sternchen.

„Diese Zitrone wird solange stumm bleiben, bis sie sich dazu entschließt, euch zu helfen. Vielleicht ist sie für immer stumm. Nehmt sie und geht.“

Sternchen und Zeppo machten sich auf, den Baum hinter sich zu lassen.

„Wartet noch. Du Horizin, lass dir eines gesagt sein. Sei gut zu der Zitrone. Denn, wer eine anspruchsvolle Zitrone nicht gut behandelt, dem wird es schlecht ergehen.“

Sternchen nickte und hielt die Hand mit der Zitrone noch einmal kurz hoch. Dann wandte sie sich um und folgte Zeppo, der ihr schon ein paar Schritte voraus war. Sie gingen eine Weile bis Zeppo stehen blieb und sich zu Sternchen umdrehte.

„Du Sternchen. Ich denke, da du die Zitronen überzeugt hast, solltest du die Zitrone vorerst verwahren. Und vielleicht sollten wir diese ganze Geschichte hier und die Tatsache, dass wir eine Zitrone haben, erst mal für uns behalten. Was meinst du?“

Sternchen nickte nur.

Beide machten sich auf, den Rückweg anzutreten. Zeppo umfasste Sternchen, machte einen Satz und war schon wieder in der Luft.